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verarbeitet und in sich gespeichert. Jetzt, zum Abschied, lud die Hohepriesterin sie zu einer Abschiedszeremonie ein. (Alles im Tempel verlief zeremoniell. Es gab nichts Spontanes, fast möchte man sagen: Nichts Menschliches. Alles war streng vorgeschrieben. Doch gerade diese Regelhaftigkeit und Regelmäßigkeit verlieh dem Wissen Struktur, dem Leben Gehalt, der Umgebung Sicherheit.)

Zum ersten Mal durfte Hara der Hohepriesterin gegenübersitzen. Zwischen ihnen stand eine dampfende Schale. Die Hohepriesterin schenkte jedem von ihnen einen Becher voll ein.

"Was ist das?" wagte Hara zu fragen.

"Tee" sagte die Frau mit dem zeitlosen Gesicht, den streng zurückgebundenen Haaren und dem langen Gewand. Es klang sehr trocken, und Hara hatte beinahe das Gefühl, als ob sich ein verborgenes Lächeln zwischen die Mundwinkel verirrte. "Das heilige Getränk einer anderen Gottheit." fügte sie hinzu, und in ihrer Stimme schwang untergründiger Humor.

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"Du warst eine gute und gehorsame Schülerin" begann die Frau mit dem undurchdringlichen Antlitz, und der stille Raum war erfüllt von der Feierlichkeit der Göttin. "Du wirst jetzt in die Welt hinausgehen und Dein Wissen anwenden und, soweit es nötig und erlaubt ist, unter die Menschen bringen.

Da draußen in der Welt voll Krieg und Hass, voll Gewalt und Niedertracht, sollst Du eine Perle der Liebe sein. Du sollst das Licht weitergeben, das hier in deinem Herzen entzündet wurde. Es wird dir manchmal schwer fallen. Du wirst vielen Menschen begegnen. Manche werden an dir schuldig werden, an manchen wirst du Schuld abladen. Das ist nicht so schlimm. Wir alle sind unvollkommen. Doch denke daran, dies ist nicht unser erstes Leben, und es wird nicht unser letztes sein. Was du hier begonnen hast, kannst du im nächsten Leben vollenden. Was du hier den Menschen Schlimmes angetan hast, kannst du im nächsten Leben gutmachen. Karma ist nicht das Gesetz von Ursache und Wirkung, sondern das Gesetz des Ausgleichs. Und es unterliegt deinem freien

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